Enzo: Wenn eine leichte Lahmheit zur Ellenbogendysplasie führt

Nicht jede Lahmheit zeigt sich auf den ersten Blick. Gerade bei jungen, grossen Hunden können beginnende Gelenkveränderungen lange unauffällig bleiben, bevor sie klinisch fassbar werden. Der Fall des zweijährigen Labradors Enzo zeigt exemplarisch, wie die Kombination aus klinischer Untersuchung, Bildgebung und objektiver Ganganalyse eine frühe Ellenbogendysplasie (ED) mit beginnender FCP-Läsion sichtbar machen kann und warum genau diese Kombination für eine verlässliche Diagnose entscheidend ist.

Anamnese

Enzo, ein zweijähriger Labrador, wurde in der orthopädischen Sprechstunde vorgestellt, nachdem seine Besitzer seit rund zwei Monaten eine intermittierende Lahmheit der rechten Vordergliedmasse bemerkt hatten. Auffällig war, dass sich die Symptomatik nach Bewegung jeweils verstärkte, ein Hinweis, der bei der weiteren Abklärung besonderes Gewicht bekam.

Klinische Untersuchung

Schon im Sitzen fiel eine Flexionshaltung der rechten Schultergliedmasse auf: Die Gliedmasse wurde zurückgezogen gehalten, der rechte Schulterpunkt war im Seitenvergleich deutlich zurückversetzt. Im Gangbild zeigte sich eine Hangbeinlahmheit vorne rechts, die betroffene Gliedmasse wurde nicht vollständig vorgeschwungen, und Flexion wie Extension waren vermindert. Gelegentlich war ein leichtes Kopfnicken zu beobachten, ein typisches Zeichen für eine schmerzhafte Lahmheit der Vorderhand. Der Bewegungsstil erinnerte an einen «Charlie-Chaplin-Gang», bedingt durch eine leichte Varusstellung der Vordergliedmasse, besonders rechts.

Bei der Palpation zeigte sich eine deutliche Atrophie des M. supraspinatus rechts sowie eine eingeschränkte Flexion des Ellenbogengelenks, ebenso eine reduzierte Pronation und Supination der betroffenen Gliedmasse. Die linke Seite war unauffällig.

Bildgebende Diagnostik

Die Röntgenaufnahme des rechten Ellenbogengelenks zeigte eine abgerundete, konturunscharfe Darstellung des Processus coronoideus medialis der Ulna sowie eine leichte Unregelmässigkeit des Gelenkspaltes. Diese Veränderungen sind vereinbar mit einer beginnenden Ellenbogendysplasie, im Sinne einer Erkrankung des Processus coronoideus medialis (FCP), insbesondere im medialen Kompartiment.

Damit lieferte die Bildgebung einen wichtigen Baustein, doch strukturelle Veränderungen allein erklären nicht immer das volle Ausmass der funktionellen Beeinträchtigung. Genau hier setzte die objektive Ganganalyse an.

Funktionelle Ganganalyse mit LupoGait

Die anschliessende Bewegungsanalyse mit dem 12-Sensoren-System LupoGait bestätigte und quantifizierte die klinischen Eindrücke. Die Standphasenzeit war rechts signifikant verkürzt und zeigte sich in Humerus und Radius insgesamt deutlich asymmetrisch im Vergleich zur linken Vordergliedmasse. Auch die Range of Motion (ROM) im rechten Ellenbogen war gegenüber links deutlich reduziert. Zusätzlich fiel eine leicht reduzierte vertikale Beschleunigung beziehungsweise Spitzenkraft im rechten Ellenbogen auf.

In Kombination mit der verkürzten Standbeinphase ergab sich damit ein klarer, objektiv messbarer Hinweis auf eine funktionelle Entlastung der betroffenen Gliedmasse ein Befund, der die subjektive klinische Einschätzung mit reproduzierbaren Daten untermauerte.

Leitungsanästhesie und Re-Evaluation

Zur weiteren Differenzierung der Schmerzursache wurde eine gezielte Leitungsanästhesie durchgeführt: Nervus radialis, Nervus ulnaris sowie der N. cutaneus antebrachii medialis wurden lokal anästhesiert. Dreissig Minuten nach der Injektion wurde das Gangbild erneut visuell und kinematisch beurteilt.

Der Unterschied war klinisch deutlich sichtbar: Enzo bewegte sich entspannter und gleichmässiger, das zuvor beobachtete Kopfnicken war nicht mehr nachvollziehbar, die Sitzposition symmetrisch, und Extension wie Flexion der linken Gliedmasse hatten sich sichtbar verbessert.

Die kinematische Messung bestätigte diesen klinischen Eindruck: Die Standphasenzeiten von Humerus und Radius links glichen sich der rechten Seite deutlich an, bedingt durch eine verlängerte Standphase auf dem rechten Vorderbein. Auch die ROM, insbesondere im Bereich des Radius, verbesserte sich. Interessanterweise wies die starke Verbesserung auf der linken Seite zusätzlich auf eine bis dahin unbemerkte Kompensation der linken Vordergliedmasse hin. Dies ist ein Effekt, der ohne die Vorher-Nachher-Messung kaum aufgefallen wäre. Bei der Peak Vertical Force zeigte sich eine Erhöhung in den Vordergliedmassen, während die Hintergliedmassen weniger Kraft aufnahmen als zuvor: ein weiterer Hinweis auf eine Kompensation im Bewegungsapparat.

Interpretation und klinische Einschätzung

Die Kombination aus klinischer Untersuchung, bildgebender Diagnostik und objektiver Ganganalyse stützt die Diagnose einer rechtsseitigen Ellenbogendysplasie mit Schmerzursache im medialen Gelenk-Kompartiment. Die unmittelbare Besserung nach der Lokalanästhesie spricht für eine entzündliche Beteiligung oder eine mögliche strukturelle Läsion, etwa eine beginnende FCP (fragmentierter Processus coronoideus medialis).

Die Persistenz einer leichten Differenz in der Peak Vertical Force lässt zudem vermuten, dass neben der akuten Schmerzproblematik auch funktionelle oder bereits chronische strukturelle Veränderungen eine Rolle spielen.

Weiteres Vorgehen

Zur strukturellen Abklärung wurde eine weiterführende CT-Untersuchung empfohlen. Parallel dazu startete ein rehabilitativ ausgerichtetes Bewegungsprogramm, um die muskuläre Balance und die Gelenkfunktion wiederherzustellen. Weitere Verlaufsmessungen mit LupoGait sind zur objektiven Therapiekontrolle geplant.

Fazit

Der Fall Enzo zeigt, wie wertvoll die Verbindung von klassischer Orthopädie und objektiver Ganganalyse in der Praxis ist: Während Palpation und Röntgenbild den Verdacht auf eine strukturelle Läsion lenken, macht die kinematische Messung die funktionellen Auswirkungen sichtbar und liefert reproduzierbare Vergleichswerte für Diagnostik, Therapieentscheidung und spätere Verlaufskontrolle. Gerade bei subtilen, intermittierenden Lahmheiten wie bei Enzo kann diese Objektivierung den entscheidenden Unterschied machen, um eine beginnende Ellenbogendysplasie frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln.

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