IMU-Ganganalyse beim Hund: Was Gyroskopdaten über Bewegung verraten

Wer einen Hund beim Gehen beobachtet, nimmt zunächst das Gesamtbild wahr. Läuft er gleichmässig? Ist eine Lahmheit erkennbar? Verkürzt er einen Schritt oder entlastet er eine Gliedmasse?

Doch ein Gangzyklus besteht aus weit mehr als dem sichtbaren Vorwärtskommen. Bei jedem einzelnen Schritt werden Gliedmassen beschleunigt und abgebremst, Gelenke gebeugt und gestreckt und einzelne Körpersegmente bewegen und rotieren im Raum. Viele dieser Vorgänge laufen innerhalb von Sekundenbruchteilen ab und lassen sich mit dem blossen Auge nur begrenzt quantifizieren.

Genau hier setzt die IMU-Ganganalyse beim Hund an. Inertialsensoren ermöglichen es, Bewegung nicht nur zu beobachten, sondern objektiv zu erfassen und auszuwerten. Eine besondere Rolle spielen dabei die integrierten Gyroskope.

Sie liefern eine zusätzliche Perspektive auf das Gangbild: Es geht nicht nur darum, wie weit oder wie schnell sich ein Hund bewegt, sondern wie er sich dabei bewegt.

Welpe der orthovet Praxis im LupoMove Puppy Programm

Was passiert während eines einzigen Schrittes?

Auf den ersten Blick erscheint ein Schritt einfach: Eine Pfote berührt den Boden, die Gliedmasse übernimmt Last, die Pfote verlässt den Boden wieder und wird nach vorne geführt. Biomechanisch passiert währenddessen deutlich mehr. Die einzelnen Segmente der Gliedmasse verändern kontinuierlich ihre Position und Orientierung. Gelenke durchlaufen Flexion und Extension, die Gliedmasse beschleunigt und verzögert und das Zusammenspiel zwischen Vorder- und Hintergliedmassen stabilisiert die Bewegung des gesamten Körpers. Bei funktionellen Einschränkungen können sich deshalb ganz unterschiedliche Aspekte des Gangbildes verändern. Ein Hund kann beispielsweise seine Standphase verändern, einen Schritt verkürzen oder die Bewegung eines Körpersegments anders ausführen. Um solche Veränderungen differenziert betrachten zu können, reicht eine einzelne Messgrösse nicht aus.

Was sind IMU-Sensoren?

IMU steht für Inertial Measurement Unit. Dabei handelt es sich um kompakte Sensoren, die verschiedene Bewegungsinformationen erfassen können und in der Bewegungsanalyse bei Menschen und Tieren eingesetzt werden. Ein wesentlicher Bestandteil einer IMU ist der Beschleunigungssensor. Er erfasst lineare Beschleunigungen entlang verschiedener Raumachsen. Das Gyroskop erfasst dagegen die Winkelgeschwindigkeit. Vereinfacht ausgedrückt beschreibt sie, wie schnell sich das Körpersegment, an dem sich der Sensor befindet, um eine bestimmte Achse dreht.

Diese Unterscheidung ist wichtig: Ein Gyroskop misst nicht direkt einen Gelenkwinkel, eine Range of Motion oder eine Bewegungseinschränkung. Es erfasst zunächst die Rotationsbewegung beziehungsweise deren Winkelgeschwindigkeit. Erst durch unsere algorithmische Verarbeitung der Sensordaten können daraus weitere Informationen über den Bewegungsablauf gewonnen werden.

Beschleunigung und Rotation sind unterschiedliche Informationen

Sehr vereinfacht lassen sich die beiden Messprinzipien so gegenüberstellen:

Beschleunigungssensor = lineare Beschleunigung

Gyroskop = Winkelgeschwindigkeit bzw. Rotation

Beide Signale beschreiben unterschiedliche Aspekte derselben Bewegung. Ihre gemeinsame Betrachtung ermöglicht eine differenziertere kinematische Analyse als die Betrachtung eines einzelnen Messsignals. Damit lieferte die Bildgebung einen wichtigen Baustein, doch strukturelle Veränderungen allein erklären nicht immer das volle Ausmass der funktionellen den entscheidenden Unterschied machen, um eine beginnende Ellenbogendysplasie frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln.

Warum sind Gyroskopdaten bei der Ganganalyse interessant?

Ein Hund bewegt sich beim Gehen nicht einfach nur von A nach B. Während einer Gliedmasse von aussen betrachtet vielleicht eine relativ gleichmässige Vorwärtsbewegung ausführt, finden innerhalb dieses Bewegungsablaufs zahlreiche Rotationen statt. Gelenke werden gebeugt und gestreckt, Körpersegmente verändern ihre Orientierung und die Bewegungsrichtung einzelner Segmente verändert sich innerhalb eines Gangzyklus kontinuierlich. Genau diese Dynamik macht Gyroskopdaten für die kinematische Ganganalyse beim Hund interessant.

Sie erweitern die Betrachtung um eine wesentliche Frage: Wie wird die Bewegung tatsächlich ausgeführt?

Bei LupoGait werden deshalb unterschiedliche Aspekte der Bewegung gemeinsam betrachtet. Der LupoGait Manager visualisiert insgesamt 34 biomechanische Parameter. Dazu gehören unter anderem Stand- und Schwungphasen, Schrittlänge, Symmetrie, Range of Motion sowie Parameter rund um Flexion, Extension, Beschleunigung und Rotation. Entscheidend ist dabei nicht ein einzelner Wert. Erst das Zusammenspiel verschiedener Parameter ermöglicht es, ein individuelles Bewegungsmuster differenziert zu beschreiben.

Was misst ein Gyroskop?

Ein Gyroskop misst die Winkelgeschwindigkeit um seine Messachsen. Es erfasst damit Rotationsbewegungen des Körpersegments, an dem der Sensor angebracht ist. Wichtig: Gelenkwinkel, Range of Motion und weitere kinematische Parameter sollten nicht mit dem direkten Messsignal eines Gyroskops gleichgesetzt werden. Solche Parameter können aus der Verarbeitung und Kombination verschiedener Sensordaten abgeleitet werden.

Wenn zwei Schritte gleich aussehen, aber nicht gleich sind

Gerade darin liegt ein wichtiger Aspekt der objektiven Ganganalyse. Zwei Bewegungsabläufe können für das menschliche Auge zunächst sehr ähnlich erscheinen. Die zugrunde liegende Kinematik muss deshalb jedoch nicht identisch sein. Hunde können ihre Bewegung verändern und funktionelle Einschränkungen kompensieren, ohne dass daraus unmittelbar eine deutlich sichtbare Lahmheit entsteht. Veränderungen können sich stattdessen in unterschiedlichen Bereichen des Bewegungsmusters zeigen. Ein auffälliger Gyroskop-, Symmetrie- oder ROM-Wert ist deshalb für sich genommen keine Diagnose.

Entscheidend ist der Zusammenhang:

  • Welche Gliedmasse zeigt eine Veränderung?
  • Welche weiteren Parameter verändern sich?
  • Gibt es Unterschiede zwischen rechts und links?
  • Wie entwickelt sich das Bewegungsmuster über mehrere Untersuchungen hinweg? Und passen die Messdaten zu den Ergebnissen der klinischen Untersuchung?

Die objektive Ganganalyse ersetzt die tierärztliche Untersuchung nicht. Sie ergänzt sie um eine messbare funktionelle Perspektive.

Ganganalyse für Hunde in Hamburg bei Tierphysio Hamburg

Der Vorteil tragbarer IMU-Sensoren

Ein wesentlicher Vorteil tragbarer IMU-Sensoren liegt darin, dass sich die Sensorik mit dem Patienten bewegt. Damit unterscheidet sich das Messprinzip grundsätzlich von Verfahren, bei denen Bewegungsinformationen ausschliesslich über eine stationäre Messumgebung erfasst werden. Die kinematische Analyse ist mit einem mobilen Sensorsystem nicht grundsätzlich an einen festen Messplatz gebunden. Für die reguläre LupoGait Messung wird zunächst eine standardisierte gerade Strecke verwendet. Definierte Bedingungen sind wichtig, denn insbesondere bei Verlaufskontrollen sollten Messungen unter möglichst vergleichbaren Voraussetzungen durchgeführt werden.

Die Mobilität eröffnet darüber hinaus zusätzliche Möglichkeiten. Je nach klinischer Fragestellung kann die Bewegung beispielsweise auf unterschiedlichen Untergründen oder bei zusätzlichen Bewegungsaufgaben wie Volten und Wendungen betrachtet werden. Das kann relevant sein, weil sich funktionelle Auffälligkeiten nicht unter jeder Bedingung gleich zeigen müssen.

Standardisierung und Mobilität sind kein Widerspruch

Standardisierte und variable Messungen verfolgen unterschiedliche Ziele. Eine standardisierte gerade Messung schafft eine möglichst reproduzierbare Grundlage und erleichtert den Vergleich zwischen mehreren Messzeitpunkten. Zusätzliche Messsituationen können dagegen genutzt werden, um gezielt einer funktionellen Fragestellung nachzugehen.

Standardisieren, wenn Vergleichbarkeit gefragt ist. Variieren, wenn die klinische Fragestellung es verlangt. Gerade darin liegt eine Stärke mobiler Ganganalyse: Die Sensorik bleibt am Patienten, während die Bedingungen gezielt an die jeweilige Fragestellung angepasst werden können.

Vom Gyroskopwert zum Bewegungsmuster

Bei der objektiven Ganganalyse geht es am Ende nicht darum, möglichst viele Zahlen zu produzieren.

Jeder Parameter beschreibt lediglich einen bestimmten Aspekt eines komplexen Bewegungsablaufs. Standphase, Schwungphase, Schrittlänge, Symmetrie, Range of Motion, Beschleunigung und Rotationsparameter beantworten unterschiedliche Fragen. Interessant wird es dort, wo diese Informationen zusammengeführt werden. So entsteht aus einzelnen Messwerten ein Bewegungsprofil, das klinische Beobachtungen ergänzen, Unterschiede objektivieren und Veränderungen über mehrere Messzeitpunkte dokumentieren kann. Das Gyroskop ist dabei nur ein Bestandteil eines IMU-Sensors. Es liefert jedoch eine für die Bewegungsanalyse besonders interessante Information: die Winkelgeschwindigkeit eines sich bewegenden Körpersegments. Denn bei moderner Ganganalyse lautet die Frage nicht nur:

Wie weit bewegt sich der Hund?

Sondern: Wie bewegt er sich dabei?

Mehr erfahren:

Mehr über die Technologie hinter LupoGait erfahren

Früherkennung orthopädischer Probleme bei Welpen

Wie Schmerzen das Gangbild beeinflussen